Dominikanische Spiritualität

"Predigt, die Menschen zu Gott führen soll"
Gedanken zur dominikanischen Spiritualität von P. Karl Gierse OP – im Gedenken an
P. Dr. Meinolf Lohrum OP

Am 11. Mai 2001 verstarb in Köln Pater Dr. Meinolf Lohrum OP. Viel zu früh ging der irdische Lebensweg dieses begeisterten Dominikaners zu Ende. Pater Meinolfs besonderes Interesse galt der Geschichte des Predigerordens. Ihn faszinierten die großen Persönlichkeiten, die der Orden im Verlauf seiner Geschichte hervorgebracht hat.

Immer war es ihm ein Anliegen, anderen etwas von seiner eigenen Begeisterung mitzuteilen. Generationen von Novizen sind durch ihn in die Geschichte des Dominikanerordens eingeführt worden. Durch Publikationen u. a. über Dominikus, Katharina von Siena und Albert den Großen hat er große Gestalten der dominikanischen Familie einer breiten Leserschaft nahe gebracht.

Wenn es in diesem Artikel darum gehen soll, ihnen, den Leserinnen und Lesern dieser Festschrift, eine Vorstellung zu vermitteln, was dominikanische Spiritualität ausmacht, so möchte ich an das anknüpfen, was Pater Meinolf vor etlichen Jahren einmal zu diesem Thema geschrieben hat (Meinolf Lohrum OP, Zur dominikanischen Spiritualität, in: Anton Rotzetter [Hg.] Geist und Geistesgaben, Zürich 1980, S. 145-160). Ich tue dies in dankbarer Erinnerung an einen Mitbruder, für den das, was er als Kern dominikanischer Spiritualität ansah, auch Inhalt seines Lebens war: Predigt, die Menschen zu Gott führen soll.

Eine vorläufige Textur

Es gibt eine Anekdote, die überall auf der Welt in dominikanischen Kreisen erzählt wird: Wenn 50 Dominikanerinnen oder Dominikaner gefragt werden, was denn eigentlich das Charakteristische des Predigerordens sei, was denn genau das Profil dominikanischer Spiritualität ausmache, so werden sie 50 unterschiedliche Antworten geben.

Dass diese Anekdote einen wahren Kern besitzt, beweist der im Jahr 2000 in der Reihe "Dominikanische Quellen und Zeugnisse" erschienene Band zum Thema "Dominikanische Spiritualität" (Ulrich Engel OP [Hg.], Dominikanische Spiritualität, Leipzig 2000). In ihm legen zehn kompetente Autorinnen und Autoren dar, was aus ihrer Sicht dominikanische Spiritualität ausmacht und sie kommen zu durchaus unterschiedlichen Ergebnissen. In seinem Vorwort schreibt der Herausgeber des Buches, Pater Ulrich Engel: "...keiner der hier zusammengestellten Aufsätze (bietet) eine abschließende Definition dessen, was dominikanische Spiritualität ist. Erst im Zuge der Lektüre aller Artikel - in ihrer ganzen Vielfalt wie auch in ihren zweifelsohne vorhandenen Widersprüchen - scheint ein Text auf, der die Überschrift "Dominikanische Spiritualität" verdient: eben eine vorläufige Textur - ein "textiles Geflecht" - ,das von den heute und zukünftig lebenden Mitgliedern des Ordens weiter geschrieben, bestätigt, revidiert und erneuert (werden) wird..."(Ulrich Engel OP, S. 14)

Es wäre vermessen, auf den wenigen Seiten dieses Artikels den Gegenbeweis zum obigen Fazit antreten zu wollen. Dieser Artikel greift eine Sichtweise dominikanischer Spiritualität auf - die von Pater Meinolf Lohrum – und lässt andere unberücksichtigt. Vielleicht gelingt es, der Leserin oder dem Leser einen ersten (roten) Faden zum Verständnis dominikanischer Spiritualität an die Hand zu geben. Wer an einem dichteren "textilen Geflecht" – wie Pater Ulrich Engel es nennt – interessiert ist, der oder dem sei seine Aufsatzsammlung ans Herz gelegt.

Zusätzlich soll in diesem Artikel ein wenig darüber reflektiert werden, welche Bedeutung die Ausführungen Pater Meinolfs 20 Jahre nach ihrem Erscheinen, am Beginn des 21. Jahrhunderts, haben.

Predigt und Kontemplation – Wesenselemente dominikanischer Spiritualität

Meinolf Lohrum wäre nicht der begeisterte Dominikaner und Ordenshistoriker gewesen, der er war, wenn er seine Ausführungen zur dominikanischen Spiritualität nicht auf Thomas von Aquin begründet hätte. Für den Hl. Thomas stimmen alle Orden darin überein, dass sich der Mensch in ihnen "gänzlich dem Dienst Gottes weiht" (Thomas von Aquin, Summa theologica, Secunda secundae, Rom 1894, 188/1 ad 1, 1252). Die Unterschiede zwischen den Orden, also die je spezifischen Profile, bestimmen sich für ihn "in erster Linie vom Ziel her, erst in zweiter Linie von der Tätigkeit her." (Ebd. 188/6, 1260)

Pater Meinolf schließt sich dieser Argumentation des Hl. Thomas an und fragt, welche Ziele denn für den Predigerorden konstitutiv sind und dementsprechend sein Profil prägen müssen. Für ihn sind es zwei Ziele, die dem Orden von Anfang an gesteckt waren: Predigt und Kontemplation.

Auf seinen Reisen durch Südfrankreich, durch die Gebiete, in denen Lehre und Wirken der Katharer und Albigenser der christlichen Kirche schwer zu schaffen machten, war dem Hl. Dominikus eines sehr deutlich geworden: eine Hauptursache für die Probleme lag in der denkbar schlechten Qualität der christlichen Predigt. Die Vertreter der Kirche waren häufig schlecht ausgebildet und zudem wenig motiviert, das Evangelium zu verkünden. Hinzu kam, dass ihr Lebenswandel oft nicht dem entsprach, was sie auf der Kanzel lehrten.

Einen Weg aus dieser Misere sah der Hl. Dominikus vor allem darin, die Qualität der Predigt zu verbessern. Für diesen Zweck bot er sich und seine Gefährten dem Papst an. Sowohl Innozenz III. als auch Honorius III., die Päpste, mit denen der Hl. Dominikus sein Vorhaben besprach, erkannten die Weisheit, die in dieser Idee steckte, und unterstützten sein Vorhaben. In seiner Bestätigungsbulle von 1217 gibt Papst Honorius III. Dominikus und seinen Gefährten ausdrücklich den Titel "Prediger" und beauftragt sie mit der Verkündigung (Vgl. u. a. Meinolf Lohrum, Dominikus-Beter und Prediger, Mainz 1984, S. 60-66).

Die Fundamentalkonstitutionen des Predigerordens, gleichsam sein Grundgesetz von den Anfängen bis heute, beschreiben seine Zielsetzung im § II so: "Der Predigerorden des Hl. Dominikus ist bekanntlich von Anfang an vor allem für die Predigt und das Heil der Menschen gegründet worden."

Pater Meinolf Lohrum ist es wichtig, auf einen Rangunterschied der Ordensziele "Predigt" und "Heil der Menschen" aufmerksam zu machen. Für ihn ist klar: Die spezielle und ureigenste Aufgabenstellung ist – entsprechend der Intention von Ordensgründer und Papst – die Predigt im engen Sinn des Wortes. Wenn diese Predigt dann auch wirklich evangelische Predigt ist, Verkündigung gemäß der Frohen Botschaft Jesu Christi, dann wird sie in der Konsequenz zum "Heil der Menschen" beitragen.

Es stellt sich die Frage, was Pater Meinolf in den frühen 80er Jahren des letzten Jahrhunderts veranlasst hat, den Predigtauftrag des Ordens so stark zu betonen. War der Orden in seinen Augen dem ursprünglichen Ordensziel untreu geworden? Hatte er sich seiner Meinung nach zu stark auf dem sozial-caritativen Feld oder im Bereich der kategorialen Seelsorge, zum Beispiel der Seelsorge an Kranken oder Gefangenen engagiert?

Die Theologie arbeitet heute mit einem weiten Predigtbegriff, der mehr umfasst als die Auslegung und Verkündigung der frohen Botschaft von der Kanzel. Auch das Leben nach dem Evangelium, zum Beispiel das Leben in klösterlichen Gemeinschaften oder die praktizierte Nächstenliebe von Christinnen und Christen, wird als Predigt, als Verkündigung angesehen. In diesem Verständnis ist das soziale und caritative Engagement, das Dominikaner überall auf der Welt eingehen, sicherlich Predigt.

Wenn es aber darum geht, das Spezifische des Predigerordens zu beschreiben, wenn es gilt sein ureigenes Profil heraus zu arbeiten, dann muss dem Predigtbegriff besondere Aufmerksamkeit geschenkt werden. Ich denke, dass dies das Anliegen Meinolf Lohrums war und immer wieder das Anliegen aller sein muss, die im Orden Verantwortung tragen: immer wieder neu zu bestimmen, was das primäre Ordensziel der Predigt in der je aktuellen Epoche bedeutet.

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts finden Dominikaner in vielen Ländern vergleichbare Situationen vor, wie Dominikus und seine Gefährten sie im 13. Jahrhundert erlebt haben. Sie werden konfrontiert mit Menschen, die der Kirche kritisch gegenüber stehen, die anderen Religionen und Weltanschauungen angehören oder die noch nie von der christlichen Botschaft gehört haben.

Angesichts dieser Situation ist zu überlegen, ob sich der Orden nicht wieder auf ein engeres Predigtverständnis besinnen muss. Es könnte notwendig sein, dass die Dominikaner der Zukunft wieder verstärkt missionarischen Geist brauchen.

Dominikaner des 21. Jahrhunderts müssen wissen, wie sie die Menschen dieser Epoche erreichen können, müssen wissen, wie Predigt im 21. Jahrhundert aussehen muss. Sie müssen in den Printmedien ebenso zu Hause sein wie in den visuellen Medien und müssen sich der modernen Kommunikationstechniken bedienen können. Auf diese Aufgaben vorzubereiten, Begabungen zu erkennen und zu fördern, darin liegt eine wichtige Aufgabe in der Ausbildung des Ordensnachwuchses aber auch der Fortbildung der Brüder.

Die Kontemplation

Als zweites konstitutives Element dominikanischer Spiritualität nennt Pater Meinolf Lohrum die Kontemplation. Im Prozess zur Heiligsprechung des Ordensvaters Dominikus haben viele Zeugen ausgesagt, dass dieser die Tage den Nächsten widmete, die Nächte aber Gott (Vgl. u. a. das Kapitel "Mit Gott sprechen" in: Vladimir Koudelka [Hg.], Dominikus, Olten 1983, 103-139). Diese Berichte machen deutlich, aus welcher Quelle der Hl. Dominikus die Kraft für seine aufreibende Predigttätigkeit schöpfte. Das kontemplative Leben als Kanoniker in Osma hatte ihn geprägt, und so besaßen Schriftlesung, Meditation und Gebet für ihn zeitlebens einen hohen Stellenwert.

Das Beispiel, das Dominikus gegeben hat, ist eingeflossen in die Gesetzgebung des Ordens. Das Kapitel II der Konstitutionen widmet sich ausführlich dem Bereich von Liturgie und Gebet und nennt die Feier der Eucharistie, das gemeinsame Stundengebet, die Schriftlesung, die Betrachtung und das persönliche Gebet als wesentliche Elemente der vita contemplativa (Vgl. Buch der Konstitutionen und Ordinationen der Brüder des Predigerordens [LCO], Roma 1998, Konst. 56-69). Zusammenfassend beschreibt der § IV der Fundamentalkonstitutionen das Besondere dominikanischen Ordenslebens als „ein im vollen Sinn apostolisches Leben, in dem Predigt und Lehrtätigkeit aus der Fülle der Kontemplation fließen müssen.“

Hier lehnen sich die Konstitutionen an Formulierungen des Hl. Thomas von Aquin an, der in der Summa theologica als Ziel des Ordens – also als Charakteristikum, das ihn von anderen Orden unterscheidet – die Predigt nennt, und zwar die Predigt, "die aus der Fülle der Beschauung fließt" (Thomas von Aquin, Summa theologica, a. a. O. 188/6, 1260).

Meinolf Lohrum schließt sich auch in diesem Aspekt der Auffassung des berühmten Mitbruders an und kommt in der Zusammenschau der Wesenselemente "Predigt" und "Kontemplation" zu folgender Zielbeschreibung für den Dominikanerorden: "Das Ziel oder das spezifische Element des Ordens und seiner Spiritualität ist die Predigt, insofern sie Frucht der Kontemplation ist." (Meinolf Lohrum OP, Zur dominikanischen Spiritualität, a.a.O., S. 155)

Der Kontemplation wird in dieser Definition eine geradezu fundamentale Bedeutung zugesprochen: ohne Kontemplation keine dominikanische Predigt, und ohne dominikanische Predigt kein "echter" Dominikanerorden. Kommt der Kontemplation dieser Stellenwert im Predigerorden des 21. Jahrhunderts zu?

Es hat in der Vergangenheit oft eine große Diskrepanz bestanden zwischen dem Ordensleben, das von dominikanischen Novizen und Studenten während ihrer Formation, ihrer Ausbildung, verlangt wurde und dem Leben, wie es im Alltag der Konvente üblich war. Das betraf in besonderer Weise das kontemplative Leben. Verantwortliche Ausbildung im 21. Jahrhundert muss ein Interesse daran haben diese Diskrepanzen zu verringern und den Brüdern, die in den Orden hineinwachsen, vor einer dauerhaften Bindung ein möglichst realistisches Bild dominikanischen Lebens zu vermitteln. Dies bedeutet auf der einen Seite, dass nicht während der Ausbildung mit großem Energieaufwand Observanzen eingeübt werden, die später in den Konventen keine Rolle mehr spielen. Andererseits muss der Alltag in den Häusern den wesentlichen Prinzipien dominikanischen Ordenslebens entsprechen, und dazu gehört, dass dem kontemplativen Bereich genügend Raum gegeben wird.

"Contemplari et contemplata aliis tradere" war die Kurzform, mit welcher der Hl. Thomas das Charakteristikum dominikanischen Lebens beschrieben hat (Thomas von Aquin, Summa theologica, Secunda Secundae Partis, a. a. O. 188, 6). "In die Kontemplation gehen und das, was man dort erfahren hat den Menschen weitergeben", so könnte man die Formel frei übersetzen. Es ist wichtig, dass auch die Dominikaner des 21. Jahrhunderts der Kontemplation den Stellenwert einräumen, der ihr gebührt. Sie müssen die Erfahrung machen, dass Gebet und Meditation keine Pflichterfüllung sind, sondern ihr Leben bereichern und die Voraussetzungen schaffen für die Predigt zum Heil der Menschen.

Die "Mittel" dominikanischer Spiritualität

"Predigt, insofern sie Frucht der Kontemplation ist", so hat Pater Meinolf Lohrum das Ziel des Dominikanerordens beschrieben. Für den Weg auf dieses Ziel hin nennt er in seinem Aufsatz fünf "Mittel" dominikanischer Spiritualität (Vgl. das 3. Kapitel in Meinolf Lohrum OP, Zur dominikanischen Spiritualität, a. a. O., S. 155-160). Sie sollen dem Rahmen, den "Predigt" und "Kontemplation" darstellen, zusätzliches Profil geben, sollen dominikanische Spiritualität noch "profilierter" machen. Als solche Hilfs-"Mittel" sieht er:
1. Das gemeinsame Leben,
2. Die Gelübde,
3. Die Feier der Liturgie,
4. Das Studium,
5. Die klösterliche Lebensform.
Auf zwei dieser Mittel, die vielleicht besonders "dominikanisch" sind, soll im Folgenden noch eingegangen werden.

Das gemeinsame Leben

Als Kanoniker an der Kathedrale von Osma hatte der Hl. Dominikus das Leben in Gemeinschaft kennen gelernt. Richtig schätzen lernte er es während der ersten Jahre seiner Predigttätigkeit in Südfrankreich. Damals war er oft allein unterwegs und ihm wurde deutlich, wie hilfreich und entlastend das Leben in Gemeinschaft für Studium, Gebet und Verkündigung war. So wurde Dominikus die vita communis zu einem großen Anliegen für die neu zu gründende Gemeinschaft der Predigerbrüder. Nicht von ungefähr regelt gleich der erste Artikel der Ordenskonstitutionen "Das Gemeinschaftsleben".

Junge Männer, die in unsere Häuser kommen und sich für ein Leben als Dominikaner interessieren, äußern immer wieder, dass ihnen das Leben in Gemeinschaft besonders wichtig sei. Sie können sich ein Leben als Diözesanpriester oder in Ordensinstituten wie der Gesellschaft Jesu nicht vorstellen, weil es, so ihre Auffassung, zu sehr den Charakter eines Einzelkämpferdaseins habe.

Es wäre zu wenig, wenn der Dominikanerorden die vita communis nur deshalb pflegen würde, um in einer Gesellschaft mit starken Individualisierungstendenzen eine alternative Lebensform anbieten zu können. Das Gemeinschaftsleben ist ein konstitutives Element dominikanischen Ordenslebens und wurde von den Anfängen an als wichtig für die Erfüllung des Ordensauftrages angesehen. Der Mensch ist ein soziales Wesen und auf Beziehungen zu anderen Menschen angewiesen. Die Kommunität der Häuser ist das soziale Geflecht, das die Brüder stützt und trägt, aber auch die Instanz, die nötige Korrekturen geben kann, wenn etwas falsch läuft. Die Kommunität, sie ist auch Gebetsgemeinschaft, in der miteinander und füreinander gebetet wird, gerade auch in schwierigen Zeiten, in denen dem Einzelnen das Beten vielleicht schwer fällt. Schließlich ist die Kommunität Zweckgemeinschaft, die den Einzelnen von Belastungen des Alltags entlastet, die Aufgaben und Arbeiten auf die Schultern vieler verteilt und so Zeit und Energie frei setzt für den Dienst an den Menschen.

Wer nicht in Gemeinschaft leben will oder kann, für den ist dominikanisches Ordensleben nicht geeignet.

Das Studium

In der Auseinandersetzung mit den häretischen Bewegungen des 13. Jahrhunderts war dem Hl. Dominikus aufgegangen, wie wichtig es ist, im Diskurs überzeugen zu können. Damals hat er die Bedeutung einer fundierten Ausbildung und eines lebenslangen Studiums erkannt. Als dann anstand, das Leben der Predigerbrüder zu organisieren, hat Dominikus dem Studium einen herausragenden Platz eingeräumt. Er sandte die Brüder in die bedeutenden Universitätsstädte, nach Paris und Bologna, um sich das Wissen der Zeit anzueignen. Mit der Einführung des Amtes eines Konventslektors wurde in jedem Haus die kontinuierliche Aus- und Weiterbildung der Brüder sichergestellt.

Die Notwendigkeit einer guten Ausbildung ist in unserer Zeit eher größer geworden. Menschen, die noch nicht von Gott gehört haben, zum Glauben zu führen, Menschen, die anderen Weltanschauungen anhängen, den christlichen Gott vorzustellen, Menschen, die sich enttäuscht von Gott abgewendet haben, zu ihm zurück zu führen, das alles braucht Überzeugungsvermögen, das auf fundiertem Wissen basiert. Dabei kann sich das Studium nicht auf den Bereich der Theologie beschränken. "Predigt" im dominikanischen Sinn geschieht nicht nur in der Kirche. Sie kann in vielen gesellschaftlichen Bereichen geschehen. Da kann ein naturwissenschaftlich versierter Dominikaner in der Auseinandersetzung um bioethische Fragen "predigen", und ein journalistisch ausgebildeter durch seine Medienpräsenz. Wissenschaft und Studium gehören untrennbar zur dominikanischen Spiritualität. Sie zu vernachlässigen würde bedeuten, dem Ziel des Ordens untreu zu werden. Gleichzeitig muss dominikanisches Studium, darauf hat auch Meinolf Lohrum deutlich hingewiesen, das Ziel des Ordens immer im Auge behalten. Es geht nicht um ein Studium um seiner selbst willen, sondern um ein Studium, das letztlich der Predigt und dem Heil der Menschen dient.

Schlussgedanken

Auch im 21. Jahrhundert gibt es – Gott sei Dank – Menschen, die sich in eine besondere Nachfolge Christi rufen lassen. Ihnen tut sich eine groß Palette möglicher Lebenswege auf. Für den einen kann die Berufung darin bestehen, als Entwicklungshelfer Menschen der 3. Welt Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten, für eine andere darin, sich als Kinderdorfmutter der Kinder anzunehmen, die keine Mutter haben. Auch das Ordensleben ist ein möglicher Lebensentwurf. Von Alexianern bis Zisterziensern bietet sich dem, der sucht, ein breites Spektrum unterschiedlichster Orden. Wer sich orientieren will, der braucht eine Orientierungshilfe, der muss wissen, was denn das spezifische Profil, das Charakteristische der einzelnen Gemeinschaften ist. Ziel dieses Artikels war es, auf wenigen Seiten ansatzweise zu beschreiben, was dem Orden des Hl. Dominikus, dem Predigerorden, eigen ist.

Dominikanisches Leben orientiert sich an dominikanischer Spiritualität. Was sie ausmacht, hat Pater Meinolf Lohrum vor 20 Jahren in seinem Artikel beschrieben: Wer dominikanisch leben will, der will durch seine Predigt Menschen zu Gott führen, durch eine Predigt, die aus einem Leben des Gebetes hervorgeht. Diese Definition besitzt auch heute Gültigkeit.